Das Kippmoment vom Tanzboden zum Bildgrund
Das Kippmoment vom Tanzboden zum Bildgrund
Zu Anna zur Niedens Malerei
Nicht nur die Malerei hat eine methodische Entwicklung erfahren, die sich lange Zeit an der Zentralperspektive der Renaissance orientierte. Auch der Tanz hat sich methodisch weiterentwickelt und dieser Fortschritt wurde ebenso anhand unterschiedlicher Parameter, unter anderem durch choreographische Schriften, die ab dem 17. Jahrhundert entstehen, reflektiert.[1] Wie diese beiden historischen Stränge von Tanz und Malerei zusammenlaufen können, oder mit anderen Worten, welche Wirkung die heutige theoretische Auseinandersetzung mit Tanz auf die bildende Kunst und umgekehrt hat, zeigt sich im Werk der Malerin Anna zur Nieden.
Ein.e Maler.in muss sich zu Beginn des Schaffensprozesses damit beschäftigen, was und vor allem wie er/sie mit dem Bildgrund umgeht. Schon allein die Begriffe Bild-Grund oder Hinter-Grund verweisen auf einen semantischen Wandel des grammatischen Kopfes dieser Wortkomposita, der durch die Überwindung der Gravitation, also durch ein Motiv des Tanzes, geprägt ist. Denn für die Terminologie der Malerei wurde die Bedeutung dieses Begriffs transformiert: Der Grund – in seiner etymologischen Bedeutung: der Erdboden – des Bildes wurde von den physischen Gesetzen befreit und damit als Folie für die perspektivischen Raumdarstellungen fruchtbar gemacht. Für jedwede.n Betrachter.innen, egal welchen Wissensstandes, ist heute offensichtlich, dass diese spezifische Ausprägung von « Grund » in der Malerei nichts mit dem Grund zu tun hat, auf dem wir mit unseren Füßen laufen. Ein Beispiel: Wenn in der Gestalt- und Wahrnehmungspsychologie vom Figur-Grund-Verhältnis[2] gesprochen wird, so geht es also darum, die Figur vor dieser Folie wahrzunehmen, von der sie abgrenzbar ist. Daher hat der Grund im Figur-Grund-Verhältnis nur wenig mit der horizontalen Fläche zu tun, auf der wir tagtäglich laufen. Diese Gedanken sind vorab für ein Verständnis der Zeichnung und Malerei von Anna zur Nieden notwendig, um nachzuvollziehen, wie sich der Tanz und ein Körperwissen, das sie aus ihrer Erfahrung mit dem Tanz bezieht, als Methode in ihre Malerei eingeschrieben haben. In der Malerei befragt sie eben dieses Begriffsverhältnis.
Ihre frühen Arbeiten sind oft durch eine geometrische Perspektive aufgebaut. In Louvre I (Öl auf Nessel, 80 x 55 cm, 2006) fluchten die Wände in die Tiefe und die perspektivische Darstellung verursacht und bedingt die Wahrnehmung des Bildes anhand eines illusionistischen Raumes. Dieser illusionistische Raum, der die Darstellungen architektonisch ordnet, ist in den neueren Werken der Künstlerin nicht mehr präsent. In diesen neueren Werken wird ein Oben und Unten allein durch die Körperachse der dargestellten Menschen greifbar – der perspektivische Raum ist häufig aufgelöst oder wird der Körperachse gegenübergestellt. In den Malereien Nacht I, II und III wird dies beispielhaft deutlich: Hier stehen die Figuren nur durch ihre eigenen Verhältnisse in Bezug zu einander. Eine schwarze Leere umgibt das Bildpersonal. Gleichsam sind die Dargestellten in ihrer Immanenz gefangen. Ihre Augen sind nicht sichtbar oder geschlossen. Sie zeigen anhand ihrer Introspektion einen emotionalen Ausdruck, der malerisch umgesetzt wird. Expressionen solcher Art, die von innen durch das Medium des Körpers nach außen gezeigt werden, sind Leitmotive des Tanzes. Gleichzeitig geht Anna zur Nieden in anderen Werken aber noch weiter, indem sie die Figuren in einem Tondo anordnet (Spiel I u. II, Öl auf Nessel sowie Spiel I, Aquarell). Die einzige Möglichkeit, sich bei der Betrachtung in diesen Tondi Orientierung zu verschaffen, bietet die Künstlerin durch die menschlichen Körper. Auch hier kann wieder auf den Tanz verwiesen werden, der sich im Spiel mit der Gravitation definiert. Diese physische Gesetzmäßigkeit, an die der Körper in der Welt gebunden ist, wird hier, wie bereits angesprochen, aufgegeben und die Körper schweben schwerelos in einer Sphäre.
Die Wirbelsäule ist im zeitgenössischen Tanz häufig die erste und letzte Orientierungsmöglichkeit: Die Tanztechnik hat sich im Laufe der Jahrhunderte so weit entwickelt, dass die Extremitäten des klassisch ausgebildeten Tänzers der Gravitation zu trotzen scheinen. Der Beginn dieser Entwicklung wird in den Tanzwissenschaften unter anderem im aufrechten Gang und im Loslösen der Arme von der vierbeinigen Gehbewegung gesehen, womit die Aufrichtung der Wirbelsäule einhergeht.[3] Durch diesen neu gewonnenen Freiraum entwickelte sich ein Streben des Menschen entgegen der Gravitation. Im Spitzentanz wird dieser Freiraum noch weiter erkämpft. Die Mühelosigkeit und das galante Schweben auf der Spitze sind jedoch harte körperliche Arbeit. Wirklich mühelos schweben die Figuren in Anna zur Niedens Bildern. Nur hier kann dieses Ideal des Tanzes wirklich erreicht werden. Die Malerin reflektiert diese tanzgeschichtliche Entwicklung, indem sie die perspektivische Räumlichkeit aufgibt und den von physischen Gesetzten befreiten Grund der Malerei zur Folie für die Aufrichtung des Menschen macht. Ob diese Aufrichtung jedoch eine immer gültige Orientierung sein kann, fragt sie in der Zeichnung Frau (2016). Hier wird das Rückgrat in eine Diagonale gebracht und die Frau lehnt mit dem Kopf gegen die Wand. Als Betrachter.in wird man gezwungen, diese Position nachzuempfinden. Man kann sie sich nur schmerzlich vorstellen. Gerät die Körperachse des Menschen in Schieflage, ist dies ein allgemein gültiges Zeichen für ungesunde oder beschädigte Körper; es sei denn, die Körper können sich selbst aus dieser Lage befreien. Anna zur Nieden befreit durch ihre Malerei den tanzenden Körper von den Zwängen der Gravitation, indem sie ihre Figuren in einer energetischen Sphäre schweben lässt. Ebenso formen manche Körper starke Diagonalen oder weisen über die Aufrichtung der Menschen hinaus. Damit variiert sie in ihren Werken die Grammatik des aufrechten Menschen, worin man ebenso einen Topos der Ästhetik des Tanzes sehen kann: Tänzer vollziehen häufig alltagsfremde Körperbewegungen und nehmen damit ästhetisierte Posen ein. In den alltagsfremden Bewegungen sah auch der Philosoph Paul Valéry den ästhetischen Ursprung des Tanzes.[4] Anna zur Niedens Malerei ist von diesen Posen geprägt (bspw. in Spiel II, Öl auf Leinwand, 2017). Damit, und mit ihrer tänzerisch gefärbten Befragung des Figur-Grund-Verhältnisses, zeigt sie eine methodische Reflexion des Tanzes in ihren Bildern – und zwar über das Motiv des tanzenden Körpers hinaus.
[1] Jeschke, Claudia u. Rick, Cary: Tanz als BewegungsText. Analysen zum Verhältnis von Tanztheater und Gesellschaftstanz (1910-1965), Tübingen 1999, S. 5-37.
[1] Hanne Lorek u. Jana Seehusen (Hrsg.), Visualität und Abstraktion – eine Aktualisierung des Figur-Grund-Verhältnisses, Hamburg 2017.
[1] Rainer Gruber, „Das Besondere des Fallens. Tanzmoderne, Gravitation und Allgemeine Relativitätstheorie“, S. 101, in: Gabriele Brandstetter u. Christoph Wulf (Hrsg.): Tanz als Anthropologie, München 2007.
[1] Paul Valéry, „Philosophie de la danse“ (1936), in : Oeuvres, tome I, “Théorie poétique et esthétique”, Paris 1957, S. 1390-1403.
Dominik Eckel studierte Kunstgeschichte, Romanistik, Germanistik und Theater- und Kinowissenschaften an der Goethe Universität Frankfurt und der Université Paul-Valéry Montpellier 3. Nach ersten Berufserfahrungen am Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, bei „Montpellier Danse“ und am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris forscht er derzeit an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn zur Formalisierung der Bewegung in der Malerei nach 1945, zu Körper und Choreographie bei K.O. Götz, Georges Mathieu, Jackson Pollock und Kazuo Shiraga.